Rita Sarin – Die Stimme der Frauen Indiens

Rita Sarin Vortrag_07-09-2017L9990666_DxO_copyright Rebecca Koenig

Rita Sarin – Die Stimme der Frauen Indiens

 

Rita Sarin, Landesdirektorin von Das Hunger Projekt Indien sowie Regierungs- und UN-Beraterin sprach zum Thema “Die Stärkung der Frauen – Indiens größtes Potenzial” am 7. September 2017 vor eingeladenem und interessiertem Publikum im Museum Fünf Kontinente in München.

Ihr frei gehaltener Vortrag begann bei den Umständen, die sie bei Amtsantritt für Das Hunger Projekt in den Dörfern auf dem Subkontinent vorfand und  spannte den Bogen bis zu den jüngsten Ergebnissen ihrer Arbeit bei der Bestärkung der Frauen in den ländlichen Gebieten.

Allein die Umstände für die Entwicklungsarbeit zeigen, welche Leistung in den 16 Jahren ihrer Amtszeit gemeinsam mit den mutigen Frauen erbracht wurde. Indien, 1,3 Milliarden Menschen, 3 Nationalsprachen, hunderte Sprachen im gesamten Staatsgebiet. In den Dörfern, in welchen Das Hunger Projekt tätig ist, werden insgesamt 18 Sprachen gesprochen. Eine Verständigung ist nur mit Dolmetscher möglich. Der Analphabetismus unter den Frauen auf dem Land liegt bei 42 Prozent, die Geburtensterblichkeit bei 17,4 Prozent, die häusliche Gewalt bei 29 Prozent. 36 Prozent der Frauen in Indien sind chronisch unterernährt und 26,8 Prozent der Mädchen werden unter 18 Jahren verheiratet.

Zu Beginn, als die Arbeit von Das Hunger Projekt in den Dörfern noch völlig unbekannt war, versuchten die Familien die Frauen vom Besuch des dreitägigen Workshops abzuhalten. Das geschah nicht selten unter Anwendung von Gewalt. Die Frauen kamen dennoch. Am Anfang noch eingeschüchtert und skeptisch, verließen sie nach dreieinhalb Tagen den Raum in aufrechtem Gang und mit direktem Blick. Die Dorfvorsteherin versicherte Rita Sarin damals, ihre fünfjährige Wahlperiode durchstehen zu wollen. Ihr Ziel war es, am Ende der Wahlperiode für ihre Kinder eine Schule gebaut zu haben. So geschah es. Wie kommt das zustande?

Die Workshops stehen im Zentrum der Entwicklungsarbeit von Das Hunger Projekt in Indien. Sie lernen dabei ihre Rechte kennen und wie sie diese bei den demokratisch gewählten Gemeindeverwaltungen und bei Behörden erfolgreich einfordern. Im ersten Jahr treffen sich die Frauen dreieinhalb Tage in einem Raum und lernen Führungsrollen, Übernahme von Verantwortung und Rechenschaftspflicht. Auf dem anfangs meist steinigen Weg steht Das Hunger Projekt ihnen zur Seite. In den folgenden Jahren erfahren sie in mehreren Workshops von ihren Persönlichkeitsrechten, Regierungsführung, Abläufen, Regierungsplänen und von Politik. Im fünften Jahr werden sie für die Kampagnen zu den Vorwahlen in den Panchayats, einer Ansammlung von Dörfern, die der untersten politischen und Verwaltungs-Ebene zugeordnet wird, vorbereitet. Sie kandidieren danach für die den Frauen vorbehaltenen Sitze und setzen sich dafür ein, die Beteiligung von Frauen an den Wahlen zu stärken. Alle fünf Jahre werden von Das Hunger Projekt begleitet durch Fürsprache, Kampagnen, Medienengagement und die Verbindung zur Regierung. Für die Umsetzung kooperiert es mit einem Netzwerk von bis zu 200 Nichtregierungsorganisationen (NROs).

Die Rechte, das sind beispielsweise ein Gesetz aus dem Jahr 1992 und zahlreiche Sozialpakete. Das Gesetz behält den Frauen in den Panchayats mindestens 30 Prozent der Gemeinderatssitze vor. In manchen Bundesstaaten sind es inzwischen 50 Prozent. Die Sozialpakete unterstützen unter anderem Witwen, umfassen den Bau kleiner Häuser, tragen zur Nahrungsmittelsicherheit bei. Die Schulpflicht gilt gleichermaßen für Jungen und Mädchen. Indien verfügt im asiatischen Raum über das größte Sozialwesen. Die Frauen erfahren davon in den Workshops.

Die Leistungen und Ergebnisse der Dorffrauen von Januar bis Juni dieses Jahr konnte selbst der amtierende Premierminister Narendra Modi nicht glauben, als Rita Sarin ihm diese präsentierte. Sie haben 5.000 Dorfkinderkrippen bei der Nahrungsverteilung an 200.000 Kinder beaufsichtigt. Sie überwachten 1.900 staatliche „Fair Price Shops“ (Läden mit redlichen Preisen) die 55.000 Gemeinden erreichen. Sie haben 300.000 Menschen mit staatlichen Förderprogrammen zusammengebracht. Sie beaufsichtigten den Bau von 35.000 Toiletten sowie Reparatur und Erhalt von 7.500 Handpumpen. Sie kontrollierten den Bau von 3.000 Häusern aus dem Regierungsplan für ländlichen Wohnbau. Sie beaufsichtigten 6.000 Schulen und konnten 15.000 Mädchen zum Unterricht anmelden. 400 gewählte Frauenräte lenkten in den Bundesstaaten Bihar, Rajasthan und Karnataka die Aufmerksamkeit auf die Kinderehen von 5.000 Mädchen.

Rita Sarin wies mehrfach darauf hin, dass dies die Verdienste der Frauen in den Dörfern sind. Solche Leistungen gehen einher mit der Bekämpfung von Armut und Korruption.

Rita Sarin zählt zu den „25 Women of Excellence“ in Indien und hat ihr Leben der Bestärkung von Frauen gewidmet. Ein Drittel der 1,3 Milliarden Menschen zählenden Bevölkerung Indiens ist unter 15 Jahre alt. Noch immer werden den Mädchen und Frauen ihre Rechte vorenthalten. Mit den Programmen von Das Hunger Projekt trägt Rita Sarin zur Erfüllung der nachhaltigen UN-Entwicklungsziele (SDG) bei. Für die Frauen in den Dörfern ist sie ihre Stimme.

Bereits 1980 war sie Mitbegründerin der ersten NGO für Gleichberechtigung in Indien. Rita Sarin wirkt in verschiedenen Gremien der indischen Bundesregierung mit. Sie ist Revisorin der Planungskommission für das Nationalprogramm zur Bestärkung der Frauen in Indien, deren Vorschläge aus den Büros des Premierministers und weiterer Minister stammen.

Sie ist eine gefragte Beraterin für die UNO, Regierungen und NGOs, wenn es um die Erschließung von ländlichen Gebieten und Gleichberechtigung der Geschlechter in Entwicklungsländern geht.

Übrigens: In Deutschland erhielten Frauen 1976 im Zuge der Familienrechtsreform das Recht auf eigenständige Entscheidung in der Berufsausübung und auf ein eigenes Bankkonto. In Indien müssen Frauen in den Dörfern noch heute von ihren Rechten zunächst erfahren, um sie einfordern zu können.

Veranstaltung Rita Sarin, 7. September 2017_Status 18.09.2017

 

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