Politische Teilhabe von Frauen stärken

Indien: Kompetenzen von Frauenabgeordneten Stärken und Entwicklung Fördern

Der Bundesstaat Madhya Pradesh liegt in Zentralindien und zählt mit seinen 73 Mio. Einwohnern zu den Bundesstaaten mit der niedrigsten Entwicklung in Bildung, Gesundheit und Infrastruktur. Die Alphabetisierungsrate in Madhya Pradesh beträgt 74% (bei Frauen 65%). 70% der Kinder unter 5 Jahren leiden an Anämie. 14% der Haushalte in den ländlichen Regionen haben keinen Zugang zu Elektrizität und nur 10% der Haushalte haben Zugang zu sauberen Brennstoffen zum Kochen. 33% der verheirateten Frauen in Indien erfahren häusliche Gewalt. Anfang der neunziger Jahre schlug die indische Regierung neue Wege ein, um Fortschritte in der ländlichen Entwicklung, Bekämpfung der extremen Armut und Unterernährung zu erzielen. Daher führte sie eine stärkere Einbindung der lokalen Bevölkerung in Entscheidungsprozesse ein. Mit der 73. Verfassungsänderung im Jahr 1993 erhielten Gemeinderäte (sogenannte Panchayats) auf Dorf-, Kreis- und Bezirksebene ein größeres Gewicht. Panchayats sind eine mit Gemeinderäten vergleichbare Form der kommunalen Selbstverwaltung. Somit wurden die lokale Demokratie und Autonomie gestärkt. Das Bundesgesetz zur Beteiligung von Frauen in Panchayats besagt, dass 33% und in einigen Bundesstaaten 50% der Sitze in den Gemeinderäten durch Frauen zu besetzen sind. So stehen in Madhya Pradesh mindestens die Hälfte der Sitze in einem Panchayat Frauen zu. Allerdings ist die Diskriminierung von Frauen in sozialer, wirtschaftlicher und politischer Hinsicht besonders ausgeprägt. Frauen kennen oft ihre Rechte nicht und können diese somit nicht umsetzen. Gesellschaftliche Normen und Geschlechterstereotypen verhindern nach wie vor die politische Teilhabe, Mitbestimmung und Repräsentation von Frauen. Zudem haben Frauen im Vergleich zu Männern nicht die gleichen Chancen beim Zugang zu Bildung, den Arbeitsmarkt oder Gesundheitsdienstleistungen.

Unser Ziel

Wir schulen 1.020 Frauen in 133 Panchayats in der Ausübung ihrer politischen Rolle als Gemeindeabgeordnete und stärken ihre Führungskompetenzen, um die Lebensbedingungen von 239.400 Menschen in Madhya Pradesh zu verbessern. Ausreichende Trinkwasserversorgung, Elektrizität und bessere Hygienebedingungen werden der Bevölkerung zur Verfügung gestellt. Diskussionen über lang ignorierte Probleme in den Dörfern, wie zum Beispiel Bildung von Frauen und Mädchen, Korruption, häusliche Gewalt, die Tötung weiblicher Föten und Kinderehen, werden initiiert.

Village meeting (1)

Unsere Projektmaßnahmen

Unser Projektpartner The Hunger Project (THP) India setzt das Projekt von November 2019 bis October 2022 in 133 Panchayats um. Es stärkt die Rollen der 1.020 Frauenabgeordneten als Führungskräfte in den Panchayats durch folgende Projektaktivitäten:

  • Durch Women Leadership Workshops und bedarfsorientierte Fortbildungsworkshops werden die Führungskompetenzen der gewählten Frauen gesteigert.
  • Das Projekt unterstützt die Gründung und Organisation von Frauenverbänden, klärt Frauen über ihre Rechte und Pflichten auf und informiert über politische Prozesse. Der Fokus liegt auf Interessenbündelung und -wahrnehmung sowie Schaffung einer positiven Öffentlichkeit.
  • Mobilisierungs- und Aufklärungskampagnen werden durchgeführt um in den Gemeinden das Verständnis und Wissen zu dem neuen Amt zu stärken. Bestandteile der Kampagnen sind Treffen, Filmvorführungen, Verteilung von Postern und Broschüren und Tür-zu-Tür-Kontakte.
  • Durch Kampagnen wird Frauen und Mädchen Mut gemacht, sich politisch zu engagieren. Die Panchayat-Bevölkerung, Medien, lokale Behörden und zivilgesellschaftliche Organisationen werden dafür sensibilisiert, wie wichtig das politische Engagement von Frauen und Mädchen ist. Dies soll zu einem Wandel traditioneller Normen hin zu mehr Demokratie und Geschlechtergerechtigkeit beitragen

Praxisbeispiel: Was haben wir bisher erreicht?

Das Projekt in Madhya Pradesh knüpft an die Erfahrungen des im Dezember 2018 abgeschlossenen Projekts zur Stärkung der Kompetenzen von Frauenabgeordneten in Rajasthan an. Hier wurden bereits 540 Frauenabgeordnete in ihrer Rolle gestärkt. Eine von ihnen ist Bhagwati Devi. Sie stammt aus einer indigenen Volksgruppe, die in Indien eine stark benachteiligte Minderheit bildet. Trotzdem gewann Bhagwati 2015 mit absoluter Mehrheit die Präsidentschaftswahlen ihres Panchayats. Aufgrund ihrer Herkunft und ihres Geschlechts wurde sie vier Monate lang trotz ihres unangefochtenen politischen Siegs nicht in ihrem Amt anerkannt. Die anderen Mitglieder des Gemeinderates, und insbesondere der Sekretär, diskriminierten sie stark. So durfte sie z.B. nicht auf einem Stuhl sitzen, sondern musste dem Treffen von einem Platz auf dem Boden aus folgen. Doch Bhagwati gab nicht auf. Sie nahm an einem Leadership Workshop für Frauen teil, der von THP India durchgeführt wurde. Hier erfuhr sie von ihren Rechten als Präsidentin und wagte schließlich den Schritt, eine offizielle Beschwerde auf Distrikt-Ebene gegen den Sekretär einzureichen. Nach eingehender Prüfung wurde die Beschwerde bewilligt und der Sekretär seines Amtes enthoben. Bhagwati erkämpfte sich die ihr rechtmäßig zustehende Ausübung ihres Amtes zurück. So verhilft sie nun vielen Familien ihres Distrikts zu deren Recht und einer verbesserten Lebenssituation.

Dieses Beispiel zeigt, wie Frauen in Indien durch die Teilnahme an den THP-Workshops und den Austausch mit anderen Frauenabgeordneten für sich einstehen, sich für ihre Dorfgemeinschaften einsetzen und so ihr Umfeld positiv verändern.

Village Meeting (2)

Unsere Reaktion auf COVID-19

In Anbetracht der schnellen Ausbreitung des Virus stellten unsere Partner vor Ort vorübergehend alle Projektmaßnahmen ein, die das Zusammenkommen mehrerer Personen beinhalten, um die Gesundheit und Sicherheit der Mitarbeiter/innen und Dorfbewohner/innen sicherzustellen. Anstehende Wahlen vor Ort wurden verschoben. Bei dem ursprünglich geplanten Projektablauf kam es zu Verzögerungen und Aktivitäten wurden angepasst.

Mehrere der geplanten Maßnahmen können aufgrund der Corona-bedingten Kontaktbeschränkungen in Indien momentan nicht in ihrer ursprünglich geplanten Form durchgeführt werden. Diese werden zum Teil auf das Jahr 2021 verschoben, zum Teil durch andere, dem Projektziel dienende, Maßnahmen ersetzt, die auch auf Distanz ausgeführt werden können. Dazu gehören unter anderem Audio-, Video- und Radioausstrahlungen und Verbreitung über WhatsApp, die Safe Panchayat Kampagne, die per Lautsprechersystem in den Dörfern durchgeführt wird, und EWR Meetings auf Cluster-Ebene zur Vernetzung anstatt großer Konferenzen.

Das Team von THP India hat schnell reagiert und zudem eine COVID-19 Arbeitsgruppe ins Leben gerufen, die Nachrichten, Tipps, und Verhaltensregeln der Regierung filtert, zusammenfasst und für Text- und Sprachnachrichten vorformuliert. Diese werden nun in einer 7-10 tägigen Kampagne durch die rund 8.000 Frauenabgeordneten in den THP-Projekten per WhatsApp in den Dörfern verbreitet. So werden nicht nur relevante und wichtige Informationen weitergegeben, sondern dem Verbreiten von Mythen wird auch aktiv entgegengewirkt.

Stand Sept. 2020

Projektförderung

Das Projekt wird mit Unterstützung des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) in Höhe von 295.921,50 Euro durchgeführt. Das Hunger Projekt Deutschland leistet einen finanziellen Eigenbeitrag in Höhe von 98.641,50 Euro.

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