Hallo, ich bin Verena Demmelbauer, Projektmanagerin bei Das Hunger Projekt e. V.

Eines der Projekte, das ich betreue ist unser Projekt „gegen Kinderheirat in Bangladesch“. Vom xx. Oktober bis xx. Oktober war ich in Bangladesch, um das Projekt vor Ort zu besuchen.

Nun möchte ich ein paar ganz frische Eindrücke von der Projektreise mit euch teilen. Es waren fünf intensive, abwechslungsreiche Tage im Distrikt Tangail, an denen ich viele Menschen kennenlernen und unsere Projektarbeit zur Verhinderung von Kinderheirat unmittelbar vor Ort erleben durfte. An den ersten beiden Tagen waren auch Katharina Iffland und Julia Schütze von bengo mit dabei.

Wir haben ganz unterschiedliche Aktivitäten besucht und dabei gesehen, wie viele verschiedene Menschen an unserem Projekt mitwirken – von Schüler*innen und Lehrkräften über ehrenamtliche Women Leaders und Dorfentwicklungsteams bis hin zu lokalen Behörden.

Besonders beeindruckt hat mich, wie aktiv die Mädchen und Jugendlichen selbst werden. An einer Schule haben wir ein Training zu SRHR (sexual and reproductive health and rights) besucht, bei dem Schülerinnen nicht nur von einer Lehrerin geschult wurden, sondern selbst und selbstbewusst vor ihren Mitschülerinnen gesprochen haben.

An einer anderen Schule haben Mitglieder einer School Youth Unit (Jugendgruppen, in denen Mädchen und Jungen lernen, gesellschaftliche Probleme zu erkennen, eigene Lösungen zu entwickeln und sich aktiv für Mädchenrechte und Veränderungen an ihrer Schule einzusetzen) gemeinsam diskutiert, welche Probleme sie in ihrem Umfeld sehen, wo die Ursachen liegen und was sie selbst dagegen tun können. Neben Kinderheirat ging es dabei unter anderem um Drogen und die Sicherheit auf dem Schulweg – insbesondere sexuelle Belästigung ist dort ein großes Problem. 

Was ich besonders gut fand: Die Jugendlichen haben ihre Überlegungen sowohl auf Plakaten festgehalten, als auch ihre Ergebnisse der Schulleitung und den Lehrkräften vorgestellt, eine schriftliche Zusammenfassung übergeben und gemeinsam über mögliche Lösungen gesprochen. Sie werden also nicht nur über ihre Rechte informiert, sondern lernen auch, ihre Anliegen selbst zu vertreten und Veränderungen anzustoßen.

Sehr in Erinnerung geblieben ist mir auch ein Treffen mit unseren Women Leaders (Frauen aus den Dorfgemeinschaften, die durch Schulungen gestärkt werden und sich ehrenamtlich für Mädchenrechte engagieren, Familien beraten und dabei helfen, geplante Kinderheiraten zu verhindern). Die Frauen haben von ihrer Arbeit in den Dörfern erzählt und davon, wie sie bereits geplante Kinderheiraten verhindern konnten. Dabei wurde auch deutlich, wie schwierig diese Arbeit teilweise ist. Viele Familien stehen unter enormem wirtschaftlichem Druck und sehen die frühe Verheiratung ihrer Töchter als Ausweg, weil sie beispielsweise die weitere Schulbildung nicht finanzieren können. Die Women Leaders versuchen deshalb nicht nur, die Heirat zu verhindern, sondern auch, die Familien zu unterstützen, statt sie auszugrenzen.
Gleichzeitig erleben die Frauen selbst viel Widerstand. Einige berichteten von Anfeindungen und Diskriminierung, teilweise sogar aus der eigenen Familie. Mitunter wird ihren Ehemännern nahegelegt, sie sollten ihre Frauen davon abhalten, sich weiterhin als Women Leaders zu engagieren. Umso beeindruckender fand ich, mit welcher Entschlossenheit sie ihre Arbeit fortsetzen. Dass sie im Projekt auch darin gestärkt werden, mit solchen Widerständen umzugehen und ihre Position selbstbewusst zu vertreten, ist deshalb besonders wichtig.
Ein weiterer Höhepunkt war unser Besuch an einer Mädchenschule anlässlich des Internationalen Mädchentags. Der ganze Schultag war voller Aktivitäten: Fußball, Seilspringen, traditionelle Tänze, Reden des Debattierclubs und ein Theaterstück über Kinderheirat. Beim Fußball haben sich die Mädchen richtig ins Zeug gelegt – und obwohl ich selbst nicht besonders viel von Fußball verstehe, war selbst für mich offensichtlich, wie gut und ambitioniert sie gespielt haben. Auch die Reden der Schülerinnen waren beeindruckend energisch und selbstbewusst. Besonders schön war das Theaterstück: Die Mädchen schlüpften in die Rollen von Müttern, Vätern, Lehrkräften, Imamen und Polizisten und zeigten, wie unterschiedliche Menschen dazu beitragen können, eine geplante Kinderheirat zu verhindern. Anfangs wurde viel gelacht, später ging es auch um ernstere Situationen. Eine kreative und lebendige Art, ein schwieriges Thema aufzugreifen.
Wir haben außerdem ein neu entstehendes Village Development Team (VDT, aus unterschiedlichen Mitgliedern der Dorfgemeinschaft, die gemeinsam lokale Probleme identifizieren, Lösungen erarbeiten und unter anderem zur Verhinderung von Kinderheirat aktiv werden) besucht, bei dem Menschen unterschiedlichen Alters, Geschlechts und beruflichen Hintergrunds gemeinsam über Probleme in ihrem Dorf und mögliche Lösungen diskutierten. Und bei einer Sitzung eines Child Marriage Prevention Committee (CMPC, staatlich vorgesehene Ausschüsse auf lokaler Verwaltungsebene, in denen verschiedene verantwortliche Akteur*innen zusammenarbeiten sollen, um Kinderheirat vorzubeugen, gefährdete Mädchen zu schützen und bei drohenden Kinderheiraten Maßnahmen einzuleiten.) ging es unter anderem darum, welche Regionen aktuell besonders gefährdet sind – vor allem Gebiete, die durch Überschwemmungen isoliert wurden und in denen die Menschen mit großer Armut zu kämpfen haben.
Während der verschiedenen Begegnungen ist mir etwas aufgefallen, das ich noch gerne mit euch teilen möchte: Ich spreche und verstehe ja kein Bangla. Aber ein Wort habe ich während der Reise sehr schnell gelernt: আমরা Amra – wir. Mir fiel schon am ersten Tag auf, wie oft dieses Wort vorkommt – egal, wer spricht. Auffallend viele Sätze beginnen mit „Amra“, und auch mitten in den Gesprächen hört man es ständig heraus. Natürlich habe ich den Rest meist nicht verstanden, aber dieses eine Wort habe ich irgendwann überall wiedererkannt.
Und irgendwie fand ich das sehr schön und bezeichnend für unsere Projektarbeit. Denn eigentlich dreht sich genau darum so vieles, was ich während der Reise gesehen habe: um ein starkes Wir. Mädchen, die gemeinsam ihre Stimme erheben. Jugendliche, die zusammen Probleme lösen wollen. Frauen, die sich gegenseitig stärken und andere Familien unterstützen. Dorfgemeinschaften, die Verantwortung übernehmen. Lehrkräfte und lokale Behörden, die eingebunden werden. Kinderheirat ist kein Problem, das ein einzelnes Mädchen allein lösen kann oder sollte. Und auch keine einzelne Organisation kann das schaffen. Es braucht viele Menschen, die gemeinsam Verantwortung übernehmen, sich gegenseitig unterstützen und Veränderungen vorantreiben. Genau dieses große Wir ist für mich während der Reise immer wieder sichtbar geworden. Natürlich gibt es weiterhin enorme Herausforderungen, und wir stehen mit der neuen Projektphase noch ziemlich am Anfang. Aber es war eindrücklich zu erleben, mit wie viel Engagement die Menschen vor Ort daran arbeiten, etwas zu verändern. Ich bin jedenfalls mit vielen neuen Eindrücken und einer noch größeren Wertschätzung für die Arbeit unserer Kolleg*innen von THP Bangladesh und all der engagierten Menschen in den Gemeinden zurückgekommen. Liebe Grüße Verena