Bangladesch: Kinderheirat verhindern
Wir stärken Mädchen, Jugendliche, Familien, Schulen und lokale Institutionen in Bangladesch, damit Kinderheirat früher erkannt, verhindert und Mädchen besser geschützt werden. Das Projekt unterstützt 9.000 Mädchen dabei, ihre Rechte zu kennen, länger zur Schule zu gehen und selbstbestimmt über ihre Zukunft zu entscheiden.
Videobericht unseres Vorgängerprojekts.
Hintergrund
Bangladesch zählt weiterhin zu den Ländern mit den höchsten Kinderheiratsraten weltweit. Fast jedes zweite Mädchen wird vor dem 18. Geburtstag verheiratet. Besonders betroffen sind Mädchen aus armen, ländlichen und marginalisierten Haushalten.
Kinderheirat verletzt grundlegende Rechte von Mädchen. Sie führt häufig dazu, dass Mädchen die Schule abbrechen, früh schwanger werden und höheren gesundheitlichen Risiken ausgesetzt sind. Viele verlieren die Möglichkeit, selbst über Bildung, Mobilität, Einkommen und ihre Zukunft zu entscheiden. Kinderheirat ist damit nicht nur eine Folge bestehender Ungleichheit, sondern verfestigt Armut, Abhängigkeit und Benachteiligung über Generationen hinweg.
Die Ursachen sind vielschichtig. Armut, Mitgiftpraktiken, steigende Lebenshaltungskosten, soziale Normen, Angst vor Belästigung, Kontrolle über die Sexualität von Mädchen und die Vorstellung von „Familienehre“ erhöhen den Druck auf Familien, Töchter früh zu verheiraten. In den Projektregionen verschärfen Überschwemmungen, Zyklone, Erosion, saisonale Einkommensverluste und Migration diese Risiken zusätzlich.
Gleichzeitig fehlen vielerorts verlässliche Schutzmechanismen. Viele Jugendliche und Eltern wissen nicht, wo sie Beratung, rechtliche Unterstützung oder Hilfe bei Gewalt erhalten können. Zwar kennen viele Menschen das gesetzliche Mindestheiratsalter, aber nur wenige wissen, wie das Gesetz tatsächlich durchgesetzt werden kann oder an wen sie sich im Ernstfall wenden können.
Vorgehensweise
Das Projekt setzt dort an, wo Kinderheirat entsteht und verhindert werden kann: in Familien, Schulen, Gemeinden und lokalen Institutionen. Es verbindet Aufklärung, Stärkung von Jugendlichen, wirtschaftliche Unterstützung vulnerabler Mädchen und junger Frauen, Dialog mit Eltern und Community Leaders sowie die Verbesserung lokaler Schutz- und Reaktionsmechanismen.
Ein zentraler Ansatz ist, keine parallelen Strukturen aufzubauen, sondern bestehende lokale Systeme zu stärken. Dazu gehören Schulen, School Youth Ending Hunger Units, Village Development Teams, Women Leaders, Union Parishads, Child Marriage Prevention Committees und lokale Dienstleisterinnen. Diese Akteurinnen sollen besser zusammenarbeiten, Risiken früher erkennen, Fälle dokumentieren und gefährdete Mädchen schneller unterstützen.
Das Projekt arbeitet bewusst auch mit Jungen, Männern, Eltern, religiösen Führungspersonen und lokalen Entscheidungsträger*innen. Denn Kinderheirat kann nicht allein durch die Stärkung von Mädchen beendet werden. Es braucht ein Umfeld, das Mädchenrechte schützt, Bildung unterstützt und frühe Heirat nicht länger als vermeintliche Lösung für Armut, Unsicherheit oder sozialen Druck akzeptiert.
Maßnahmen
Jugendliche stärken und organisieren
An 128 Schulen werden School Youth Ending Hunger Units aufgebaut. Jugendliche entwickeln dort Selbstvertrauen, Führungsfähigkeiten und konkrete Ideen für sozialen Wandel. Sie planen eigene schulische Aktionen gegen Kinderheirat und für ein sicheres Lernumfeld.
9.000 Mädchen nehmen an Schulungen zu sexueller und reproduktiver Gesundheit und Rechten, Pubertät, Menstruationsgesundheit, Kinderheirat, Geschlechterrollen und Life Skills teil. 1.800 Jungen werden als Verbündete für Mädchenrechte geschult, damit sie schädliche Geschlechternormen hinterfragen und Mädchen aktiv unterstützen. 384 Mädchen werden zu Peer Educators ausgebildet und geben ihr Wissen an Gleichaltrige weiter.
Digitale Sicherheit fördern
In 128 schulbasierten Sitzungen lernen Jugendliche und Eltern, wie sie mit Cybermobbing, Online-Belästigung, Erpressung, Grooming und Falschinformationen umgehen können. Damit reagiert das Projekt auf ein wachsendes Risiko, das Familien verunsichern und frühe Heiratsentscheidungen begünstigen kann.
Mädchen und junge Frauen wirtschaftlich stärken
940 Schulabbrecherinnen, junge Mütter und besonders vulnerable junge Frauen erhalten Berufs- und Life-Skills-Trainings, etwa in Schneidern, Handwerk, Geflügelzucht, Kleinhandel oder Lebensmittelverarbeitung. Zusätzlich werden 180 Self-Help-Groups gegründet oder gestärkt. Diese Gruppen fördern Sparen, gegenseitige Unterstützung und kleine einkommensschaffende Aktivitäten. So wird wirtschaftlicher Druck reduziert, der frühe Heiratsentscheidungen begünstigen kann.
Eltern und Gemeinden einbinden
2.100 Eltern und Sorgeberechtigte werden in Dialogformaten erreicht. Dabei geht es um Schulbildung, die Risiken früher Heirat, unterstützende Erziehung, rechtliche Grundlagen und verfügbare Schutzangebote. 300 Women Leaders und 1.512 ehrenamtliche Community Volunteers werden gestärkt, um Risiken frühzeitig zu erkennen, Familien anzusprechen und Mädchen an Unterstützungsangebote zu vermitteln.
640 Community-Dialoge und Courtyard-Meetings erreichen rund 12.800 Menschen direkt. Ergänzend finden 20 größere Sensibilisierungskampagnen rund um den International Women’s Day und den Girl Child Day statt, die geschätzt 100.000 Menschen erreichen.
Schulen als Schutzräume stärken
128 Lehrkräfte werden geschult, damit sie gefährdete Schüler*innen besser erkennen, vertraulich beraten und bei Bedarf an passende Schutzstrukturen weiterverweisen können. In 256 Treffen zwischen School Youth Units und School Management Teams benennen Schüler*innen konkrete Sicherheitsprobleme und entwickeln gemeinsam mit den Schulen Aktionspläne.
Lokale Schutzmechanismen verbessern
Die gesetzlich vorgesehenen Child Marriage Prevention Committees auf Union- und Upazila-Ebene werden aktiviert und begleitet. In 148 Komiteesitzungen werden Rollen geklärt, Fälle besprochen, Aktionspunkte dokumentiert und Weiterverweisungswege gestärkt. Gewählte Amtsträger*innen, lokale Verwaltungen, Marriage Registrars, religiöse Führungspersonen, Polizei, Schulen und zivilgesellschaftliche Organisationen werden besser miteinander vernetzt.
Politische und gesellschaftliche Veränderung fördern
In Zusammenarbeit mit dem National Girl Child Advocacy Forum werden nationale Policy-Dialoge durchgeführt. Erfahrungen aus den Gemeinden, Fallbeispiele und Projektdaten fließen in politische Empfehlungen ein. Auf lokaler Ebene werden zudem engagierte „Champions“ ausgezeichnet, um sichtbare Vorbilder zu stärken.
Förderung
Das Projekt wird über einen Zeitraum von drei Jahren vom 1. Mai 2026 bis 30. April 2029 durchgeführt. Das Gesamtbudget beträgt 555.555,56 Euro. Das Projekt soll mit Unterstützung des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) in Höhe von 500.000 Euro durchgeführt werden. Das Hunger Projekt Deutschland leistet einen Eigenbeitrag in Höhe von 55.555,56 Euro.
Direkt erreicht werden unter anderem 9.000 Mädchen, 1.800 Jungen, 2.100 Eltern und Sorgeberechtigte, 940 Schulabbrecherinnen und junge Frauen, 300 Women Leaders, 1.512 ehrenamtliche Community Volunteers, 840 Lehrkräfte sowie religiöse und lokale Führungspersonen und 672 Mitglieder lokaler Komitees und Verwaltungsstrukturen.
Indirekt profitieren geschätzt 230.000 Gemeindemitglieder in den 32 Ziel-Unions von gestärkten Präventionssystemen, mehr Wissen über Kinderheirat und verbessertem Zugang zu Schutz- und Unterstützungsangeboten.
Nachhaltigkeit
Das Projekt verankert Prävention dauerhaft in bestehenden lokalen Strukturen. Schulen, Youth Units, Women Leaders, Village Development Teams, Union Parishads und Child Marriage Prevention Committees werden so gestärkt, dass sie auch nach Projektende weiterarbeiten können.
Kinderheirat kann verhindert werden, wenn Mädchen gestärkt, Familien einbezogen und lokale Schutzstrukturen handlungsfähig gemacht werden. So entstehen Gemeinden, in denen Mädchen lernen, mitentscheiden und ihre Zukunft selbstbestimmt gestalten können.