Hallo, ich bin Elisa,
vom 05. bis 09. Oktober war ich auf Projektreise in Indien, um unser Projekt „Stärkung von Frauen zur Verbesserung des Umweltschutzes und Erhalt natürlicher Ressourcen in Uttarakhand“ zu besuchen.
Das Projekt läuft noch bis Ende Juni 2027. Es unterstützt Frauen in Entscheidungsrollen dabei, gemeinsam mit ihren Gemeinden umweltfreundliche Entwicklungspläne zu entwickeln.
Gerne teile ich hier meine Eindrücke und die Ziele, die bereits erreicht wurden.
Zum Kontext des Projekts
In den Bergen Uttarakhands leben viele Menschen von Landwirtschaft und sind auf intakte Wälder und Wasserquellen angewiesen. Jedoch bedrohen Wasserknappheit, Waldbrände und Erdrutsche zunehmend ihre Lebensgrundlagen. Viele Männer migrieren aufgrund von Jobknappheit in urbane Regionen. Deshalb übernehmen zunehmend Frauen die Verantwortung für Ernährung und Unterhalt ihrer Familien. Gemeinsam mit THP Indien unterstützen wir gewählte Frauenabgeordnete dabei, ihre Aufgaben und Verantwortlichkeiten wahrzunehmen, Anliegen ihrer Dörfer umzusetzen und ihre Gemeinden mit staatlichen Programmen zu verbinden. Wir bringen sie mit den Dorf- und Waldräten sowie anderen Frauen aus den Gemeinden zusammen, damit sie gemeinsam die Entwicklung ihrer Gemeinden vorantreiben und dabei aktiv die Umwelt schützen. Gleichzeitig nutzen wir Bildungskampagnen und Climate Smart Meetings, um in Dörfern und Schulen Menschen aller Altersklassen für Umwelt- und Ressourcenschutz zu motivieren.
Treffen mit den Zielgruppen
In den Bergdörfern habe ich insgesamt vier Frauengremien (Jagruk Manch) besucht, in denen Frauen aus den Gemeinden mit ihren gewählten Gemeindevertreterinnen und Waldratsmitgliedern zusammenkommen und gemeinsam ihre Anliegen besprechen. Erst durch das Projekt wurden die Frauen darauf aufmerksam, wer die Abgeordneten ihrer Dörfer sind und wie sie ihre Interessen im Rahmen der Frauengremien einbringen können.
Außerdem durfte ich in zwei Schulen Schüler*innen der Klassen 6-10 kennenlernen, die in Climate Smart Meetings lernen, wie sie im Alltag eigenständig Umweltschutz betreiben können. Hierbei habe ich jeweils ca. 30 Schüler*innen und ihre Lehrer*innen getroffen, welche mir von ihren Erkenntnissen und Erfolgen berichteten.
Was hat sich durch das Projekt verändert?
In den Gesprächen mit den Frauen kamen einige Themen immer wieder auf: Viele wussten zuvor wenig über die Aufgaben der gewählten Vertreter*innen, die Dorfversammlung oder die Möglichkeiten, staatliche Unterstützung zu beantragen. Heute treffen sie sich regelmäßig, priorisieren gemeinsam ihre Anliegen und geben diese dann an ihre gewählten Vertreter*innen weiter. Diese wiederum schreiben Petitionen an die Verwaltung, verbinden Gemeindemitglieder mit wichtigen staatlichen Leistungen oder eskalieren wichtige Probleme auf die Ebene der Föderation gewählter Vertreterinnen (hier werden übergreifende Themen mehrerer Dorfcluster besprochen).
Viele Abgeordnete erzählten, dass sie durch das Projekt erstmals Gemeindemitgliedern Zugang zu Renten- und Sozialleistungen sowie Lebensmittelkarten und Versicherungskarten verschaffen konnten. Mehrere Gemeinschaften haben gemeinsam Wasserquellen gereinigt, Bäume gepflanzt, Straßen und Zäune errichtet und setzen sich gemeinsam gegen Alkoholismus und häusliche Gewalt ein.
Besonders häufig erzählten sie auch von einer persönlichen Veränderung: Die Frauen trauen sich mehr zu, sprechen selbstbewusster und finden als Gruppe eher Gehör. Die Treffen schaffen zudem Raum für sensible Themen, über die zuvor kaum gesprochen wurde.
An den Schulen berichteten die Kinder und Jugendlichen vor allem davon, dass sie ein Bewusstsein für Umweltverschmutzung und deren Vermeidung entwickelt haben. Zum Beispiel lernten sie, durch die Nutzung von wiederverwendbaren Taschen Plastik zu vermeiden, Abfälle zu sammeln und andere für Umweltschutz zu motivieren. In sogenannten „EcoClubs“ pflanzen sie gemeinsam Zitronen- und Mangobäume und pflegen sie. An der Mädchenschule in Parkot berichtete uns die Lehrerin, dass sie durch Methoden wie Plakatwettbewerbe alle Schüler*innen zum Mitmachen anregen.
Was mir besonders in Erinnerung geblieben ist
Besonders eindrücklich war für mich, wie eng die Stärkung und das Selbstvertrauen von Frauen mit der Entwicklung und dem Schutz ihrer Gemeinden verbunden sind. Wenn Frauen ihren Stimmen vertrauen, entstehen greifbare und nachhaltige Ergebnisse, von denen letztendlich alle profitieren.
Im Dorf Kanalbunga haben wir gemeinsam mit der Gemeindepräsidentin Pinki Mehra eine wiederhergestellte Wasserquelle besucht. Vor dem Projekt war der Brunnen zugewachsen und es hatte sich dort Abwasser gesammelt.
Die Frauen des Jagruk Manch baten die Präsidentin, eine Petition für die Reinigung und den Wiederaufbau der Quelle zu verfassen. Daraufhin wurde das Anliegen in der Dorfversammlung besprochen, in den kommunalen Entwicklungsplan aufgenommen und schließlich mit staatlichen Mitteln umgesetzt. Über ein Beschäftigungsprogramm konnten Menschen aus dem Dorf für die Bauarbeiten bezahlt werden. Heute nutzen nach Angaben der Frauen 40 Haushalte die Quelle für Trinkwasser, ihre Felder und andere Zwecke. Hier konnte ich unmittelbar sehen, wie aus dem Wissen über Rechte und Verwaltungswege eine konkrete Verbesserung für das Dorf wird.
Auch im Dorf Edasera zeigte uns die Gemeindepräsidentin, was sie bereits erreichen konnte: Über einen Antrag auf staatliche Fördermittel hatte sie den Bau eines befestigten Weges und des Gemeindehauses ermöglicht. Dieser ermöglicht eine sichere Verbindung zur weit entfernten Hauptstraße, auch im Zeitraum von Überschwemmungen durch den jährlichen Monsun.
Besonders beschäftigt hat mich der Wandel im Selbstverständnis der Frauen. Im Dorf Bhandar Gaon erzählten sie, dass sie früher teilweise nicht einmal wussten, wer ihre gewählten Vertreter*innen waren oder wozu die Dorfversammlung da ist. Heute nehmen die meisten selbst daran teil, sprechen miteinander über ihre Anliegen und unterstützen andere Frauen.
Maya Joshi
Maya Joshi, eine Gemeindepräsidentin aus dem Treffen in Kanalbunga, brachte diese Veränderung sehr anschaulich auf den Punkt: Früher habe ihr Mann gesagt: „Ich kümmere mich darum.“ Heute antworte sie: „Ich bin die Präsidentin, ich mache das.“
Ausblick
Natürlich bleiben trotz aller Erfolge auch Herausforderungen zurück. Besonders fehlende Einkommensmöglichkeiten und knappe öffentliche Mittel beschäftigen die Frauen weiterhin. Aber die Begegnungen haben mir eindrücklich gezeigt, wie wichtig unsere lokale Arbeit ist: Sie hilft Frauen dabei, sich selbst zu vertrauen, aktiv einzubringen und Veränderungen gemeinsam umzusetzen. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir dabei ein Bild, das Leela Bandari, eine Gemeindepräsidentin in Bhandar Gaon, für die Arbeit des Teams vor Ort fand: Für ein stabiles Gebäude brauche man Zement. THPs Beitrag vor Ort wirke genau wie Zement, denn er ist das Wissen und die Unterstützung, die die Gemeinschaft vor Ort zusammenhalten.
Das beschreibt für mich sehr schön, was ich auf der Reise erlebt habe: Frauen, die durch das Wissen über ihre Rechte und Möglichkeiten Halt finden, sich gegenseitig stützen und dieses Wissen für ihre Gemeinden einsetzen. Ich bin mit großer Wertschätzung für ihr Engagement und für die respektvolle, engagierte Arbeit unserer Kolleg*innen von THP Indien zurückgekommen. Und ich hoffe, dass ihr durch den kurzen Bericht auch einen Eindruck davon gewinnen konntet.